Ein Tag wie jeder Tag zu jener Zeit.

Doch wie war jeder Tag? Und wann war Jene Zeit?
Jene Zeit war die Zeit, als das Dorf das so gerne Stadt wäre, als dritten Schritt zur Bedeutsamkeit einen Brunnen auf den im zweiten Schritt geschaffenen Platz vor dem Rathaus, das man einst als ersten Schritt errichtete, setzte. Jene Zeit war auch die Zeit, als der Bau einer Umgehungsstrasse begann, zur freien Sicht auf die Kehrseite eines Kriegerehrenmals und zukünftig auch auf ein Hotel, dem sechsten Schritt - und um damit den vierten Schritt zu vollenden und den Fünften vorzubereiten, der den siebten Schritt, die den Aufschwung des Dorfes das so gerne Stadt wäre, darstellende Plastik erst ermöglichte: die Hinpflasterung einer Fußgängerzone.
Wie jeder Tag waren die Tage, als sich ein paar Suchende in die kleine Kneipe des Wirtes der Bukowski und Kinski verehrte, im Herzen des Dorfes das so gerne Stadt wäre, verirrten.
Es war alles ziemlich einfach in jener Zeit. Es gab fast keine Überraschungen, weil sich - außer denen die immer da waren - niemand herein traute in die kleine Kneipe, in die selbst an sonnigen Tagen kein natürliches Licht fiel. Es gab auch keine sonnigen Tage zu jener Zeit.
Da war der Bereich links vom Eingang in Thekennähe, wo an einem wackligen Tisch die Leute saßen, die schon am ersten Tag - und wahrscheinlich auch schon vorher - dort gesessen haben und nicht nachdachten über das „Warum?“. Wenn sie darüber nachgedacht hätten, säßen sie vermutlich woanders. Etwas weiter hinten - auch links und in Thekennähe - um einen wackligen runden Tisch stehend oder auf Barhockern kauernd, fand sich vor Allem an Donnerstagen und Samstagen eine vom Aussterben bedrohte Spezies, die eine ebensolche Musik bevorzugte. Die dazu den Kopf schüttelnd Lederhosen trug, aus viel zu großen Krügen viel zu viel und viel mehr trank, als wie zum Überleben notwendig und empfehlenswert, unverständlich Laute abgab und sich auch sonst kaum von einer überwiegend im Süden des Vaterlandes vorkommenden Spezies mit ähnlichen Merkmalen unterschied.
Nicht weit davon entfernt, lehnte an dem einzigen nicht wackelnden - weil an der Wand befestigten - Tisch, ein einzelner Besucher, meistens zu späterer Stunde, der sich zu Beginn seiner Hofhaltung die Zunge und den Magen mit Hochprozentigem betäubte, um nicht eingestehen zu müssen, wie übel ihm war von dem Fraß, den er wieder und wieder in dem benachbarten Schnellimbiss zu sich nahm.
Rechts vom Eingang und nicht in Thekennähe, zwei bis drei wackelnde Tische beanspruchend und überwiegend liegend, jene die vom Wirt die Autonomen gerufen wurden. Was möglicherweise seinen Ursprung darin hat, dass bei einigen dieser Leute gelegentlich ein gefährlicher politischer Aktionismus aufflammte, der sich dadurch äußerte, dass das Kriegerehrenmal von der zu jener Zeit noch verborgenen Rückseite besprüht oder eine Rathausbesetzung geplant wurde - oder man gar, mit einer etwa 25 mal 80 cm großen Mauer bei Nacht den Rathausaufgang versperrte, um damit gegen die sich an jenem Tage zum zweiten Male jährende Einheit des Vaterlandes zu demonstrieren.
Normalerweise aber hockten oder lagen sie in ihrer Nische, sprachen und bewegten sich kaum. Einige schliefen, einige kneteten Kerzenwachs oder gossen sich diesen über die Hände. Man errichtete Skulpturen aus Wachsfingern, Zigarettenschachteln, Bierdeckeln und aus Allem was sich so fand. Der Phantasie und der Kreativität war keine Grenze gesetzt – eigentlich nur die Mülltüte der kichernden, gläservernichtenden Bardame.
Dann plötzlich - völlig unerwartet - sprangen sie auf. Sogar die eben noch schlafenden. Und man verließ die kleine Kneipe, um nach wenigen Minuten wieder zurückzukehren. Nach anfänglicher heiterer Agilität verfiel man wieder in den gewohnten Zustand. Ab und an unterbrach eine angeregte Unterhaltung wie die Folgende das Schweigen:
'Was geht ab?' - 'Nicht viel!' - 'Na gut!'
Die Samstagabende in jener Zeit unterschieden sich rechts vom Eingang von all den anderen Abenden dadurch, dass man nicht bereit war, sich mit dem zufrieden zu geben, was die ganze Woche okay war, woran man die ganze Woche nichts ändern konnte und wollte.
Nachdem einige Zeit eine blonde weibliche Gestalt auf jeden Anwesenden - besonders einfühlsam auf jene Autonome deren Automobile neben der Absteige parkten - eingeredet hatte, machte sich Anfangs kaum merkliche, jedoch stetig zunehmende Unruhe breit, aus der dann ein Aufbruch wurde, der sich noch etwa zwei Stunden hinzog, in denen geplant wurde was-wo-wie stattfinden sollte, wer-womit wer-mit-wem dabei sein sollte. Lediglich das „Warum?“ wurde ausgespart. Meistens wusste irgendwer von irgendeiner Party irgendwo und man beschloss, diese durch kollektives Auftauchen aufzuwerten. In der Regel schon durch das Erscheinen gelang es, die Feier ihrem raschen Ende zuzuführen. Nach etwa einer Stunde schon kehrten einzelne Mitglieder des autonomen Fetensprengkommandos nach und nach wieder in die kleine Kneipe zurück und setzten ihr Tagwerk fort, während der Rest das Selbe in Gruppen unterschiedlicher Größe oder allein in privater Behausung tat.
 
steinwerdung
Steinwerdung

Ein Tag im neunten Monat des Jahres 91 im vergangenen Jahrhundert war so lange ein Tag wie jeder Tag zu jener Zeit, bis sich drei Erweckte aus der Nische rechts vom Eingang der kleinen Kneipe fragten: 'Was kann man tun in einer schlafenden Stadt außer singen in 'ner Band?' und so kam es, dass sich Øpfi, Jack und Jod nach einem nächtlichen Steinwurf aufmachen, die frohe Botschaft zu verbreiten und das Vakuum im Eigenen und im Sein der Nächsten und Übernächsten auszufüllen. Auf ihrem Weg sehen sie Marky Marc und rufen ihm zu: 'Komm mit uns!'. Er lässt seine Mädchenfischernetze fallen und folgt ihnen als Rhythmusgeber. Der Bassgelehrte Gerold K. greift schon bald zur sechssaitigen Gitarre.

Ehe der erste Ton erklungen, sind sie bereits durch flächendeckende und selbstklebende Öffentlichkeits-arbeit im Röhrtal und darüber hinaus berüchtigt. Nach einer handvoll - durch Besetzung eines Übungs-raums ermöglichten – Proben, erfolgt ein erster fulminanter Kurzauftritt und der Verlust des gitarrespielenden Bassgelehrten. Mit Sally Oklahoma stößt jedoch ein Gitarrist hinzu, der den Klang der STEINE zukünftig maßgeblich prägen und mit Øpfi ein klassisches Liedschreibergespann bilden wird. Neben ausgedehnten Fotosessionen in Felsenmeeren und Steinbrüchen entstehen innerhalb weniger Monate mehr als ein dutzend Lieder, von denen neun auf der im November des Jahres 92 veröffentlichten MC STEINSCHLAG landen. Ein so nicht erwarteter Sturm auf den Tonträger beginnt. Gleichzeitig entschließt man sich zur unumgänglich gewordenen Trennung von Jack.
Aka Paul, ein junger ambitionierter Nachwuchsgitarrist und Sänger, wird nach einem Auftritt mit seiner Band direkt von der Bühne herunter als neuer zweiter Gitarrist ins Boot geholt.
Im April des Jahres 93 gewinnen die STEINE den Vorendscheid zum bundesweiten Bandwettbewerb 'Initiative Rock' und belegen im Finale unter mehr als 60 Bewerbern den dritten Platz. Vier Gigs innerhalb von 36 Stunden und die damit verbundenen Nebenwirkungen bringen die Fünf an den Rand des Irrsinns.
Danach steht man für etwa ein Jahr unter dem Einfluss des mächtigen Dieter H. („wenn ich vorne rausfliege, komm ich hinten wieder rein“). Nachdem auch Jod auf dem steinigen Weg nach Irgendwo verloren gegangen ist, wird sein Platz von Martin K. eingenommen und im Studio von Martin Meinschäfer werden fünf Songs produziert, die später als EP MEILENSTEINE veröffentlicht werden.
Nach den Höhenflügen der ersten zwei Jahre ist der Weg im Jahre 94 gepflastert mit Stolpersteinen: ein hymnische Auftragssong zum Dinosaurier-Boom („Kinder der neuen Zeit“)wird den STEINEN von der kritischen Anhängerschaft verübelt, die Mitwirkung am fragwürdigen Sampler „Mein Freund ist Sauerländer“ ist nach Øpfis umstrittenem Radiointerview nicht mehr erwünscht, der Manager verschwindet unter nie geklärten Umständen (ohne das Geld der Band - das versickert später intern), der Dechant wettert gegen die verirrten Schäfchen und noch vor Fertigstellung der Aufnahmen neuer Songs mündet zunehmend schlechte Stimmung und zermürbende Unzuverlässigkeit einiger Beteiligter im Ausstieg von Marky Marc, dem sich Aka anschließt, um zukünftig im Sitzen zu spielen.
In nächtlichen Produktionssession in einem dunklen Kellerloch versuchen die Verbliebenen das vorhandene Material zu retten, was aber nur bei zwei Songs leidlich gelingt. Das Boot droht zu kentern. Doch schon sehr bald fliegen die STEINE wieder: Die fehlenden Lieder für das Album LEBENDIG BEGRABEN werden neu aufgenommen und im Januar des Jahres 95 taucht man mit neuem Drummer Erna V. als Quartett wieder auf der Bühne auf und überzeugt für die nächsten Jahre durch zurück gewonnene Kreativität und Spielfreude. Die in dieser Zeit entstandenen 'MiR-Haus-Tapes' bleiben bis heute unveröffentlicht.Im Laufe des Jahres 98 zieht sich Sally aus der Band zurück. Im ersten Sommer des neuen Jahrtausends stehen die STEINE überraschend noch einmal für einen Auftritt gemeinsam auf der Bühne.
Ex-Gitarrist Aka startet zusammen mit Erna und Øpfi den ambitionierten STEINE-Ableger PROJEJKT: LABYRINTH (in den auch Tobi Tobson, der aktuelle STEINE-Schlagzeuger, involviert war). Nach nur einem Jahr und zwei öffentlichen Darbietungen gibt man entnervt auf.
Im Januar des Jahres 02 nehmen Øpfi und Erna mit dem Gitarristen MR George „Nach Mitternacht“ für eine lokale Sampler-CD auf - mit dabei auch die Ur-STEINE Jack und Jod als Chorsänger, sowie Martin K. am Bass. Einen zweiten Song, das aus den Anfängen stammende „M.A.N.E.W.“, produziert Øpfi mit MR George im Alleingang. Nach diversen Live-Aktivitäten (hauptsächlich als Keyboarder) mit dem 'Gottvater der Röhrtalszene' tritt der Sänger Anfang 06 mit dem Projekt '2vonmilliarden' wieder in Erscheinung und auch Sally Oklahoma steigt noch einmal vom Sockel seines Denkmals. Zusammen produzieren sie den Comeback-Song „Nimm es!“. Zum Ende des Jahres stoßen Mike (Bass) und Tobi Tobson (Schlagzeug) hinzu. Ende Januar 08 stehen FLIEGENDE STEINE erstmals in der kleinen Kneipe, im Herzen des Dorfes das so gerne Stadt wäre, auf der Bühne…
Fortsetzung folgt…